Über Klang, Sicherheit und die Freiheit, schräg zu tönen

Manchmal braucht es nur einen einzigen Ton, damit etwas, das lange keinen Namen hatte, plötzlich spürbar wird.

Diese Erfahrung durfte ich bei AHAVA machen, einem Grosstreffen von Frauen unter der Leitung von Orna Ralston. Orna begleitet mich auf meinem Heilungsweg. Bei ihr besuche ich auch die Weiterbildung ASHERAH, in der wir uns mit weiblicher Spiritualität, Körperwahrnehmung und Klang beschäftigen. Mehr über ihre Arbeit findet ihr auf der Webseite von Orna Ralston.

Das gemeinsame Tönen hat in Ornas Arbeit einen grossen Stellenwert. Für dieses Treffen hatte sie einen Segen geschrieben, aus dem jede Frau eine Passage auswählen durfte.

Wir tönten einzeln, zu zweit und gemeinsam in der Gruppe. Dazwischen gab es immer wieder Raum, das Erlebte zu teilen.

Eine Frau erzählte, dass sie Mühe habe, mit der Dissonanz zwischen den verschiedenen Stimmen umzugehen. Daraufhin teilte Nanina Ghelfi ihre eigenen Erfahrungen mit Dissonanz. Sie erzählte, wie sie für sich den Grundton als Möglichkeit entdeckt hatte, unterschiedliche und scheinbar unpassende Klänge zu tragen, und seither damit arbeitet.

Orna nahm die Essenz dieses Impulses auf und liess sie unmittelbar in die Arbeit mit der Gruppe einfliessen.

Ein Teil der Frauen begann, gemeinsam einen lang anhaltenden Ton zu halten. In der Musik wird ein solcher Ton als Bordunton oder kurz Bordun bezeichnet. Die anderen Stimmen durften sich frei darüber bewegen.

Die schrägen Töne verschwanden dadurch nicht, aber sie klangen nicht mehr falsch. Sie hatten einen Bezugspunkt bekommen. Etwas blieb bestehen, während sich die anderen Stimmen bewegten. Die Dissonanz wurde zu einem Teil des gemeinsamen Klangs.

In diesem Moment verstand ich nicht nur mit dem Kopf, sondern über meinen Körper etwas Wesentliches über Heilung.

Wenn der Grundton fehlt

Ein Grundton gibt Orientierung. Er bleibt bestehen, auch wenn etwas ins Schwanken gerät. Er macht es möglich, dass nicht alles harmonisch sein muss und trotzdem zusammenpasst.

Wenn ein solcher Grundton im Leben fehlt, kann jede Unstimmigkeit bedrohlich wirken. Streit, Spannungen und unausgesprochene Konflikte fühlen sich dann nicht nur unangenehm an. Sie können das Gefühl auslösen, dass das ganze Gefüge auseinanderbricht.

Hinter einer grossen Sehnsucht nach Harmonie kann deshalb auch die Suche nach Sicherheit stehen.

Wenn Beziehungen unberechenbar waren oder Regeln und Reaktionen ständig wechselten, konnte sich im Nervensystem nur schwer ein verlässlicher Rhythmus entwickeln. Der Körper lernte, aufmerksam zu bleiben, Stimmungen früh wahrzunehmen und Disharmonie möglichst schnell zu beheben.

Der Bordunton zeigte mir eine andere Möglichkeit.

Sicherheit bedeutet nicht, dass es keine Dissonanz gibt.

Sicherheit bedeutet, dass etwas bestehen bleibt, während es dissonant wird.

Ein Segen bekommt eine Melodie

Jede von uns durfte ihre ausgewählte Passage aus Ornas Segen vor der Gruppe singen. Ich hatte diese Zeilen gewählt:

May you be held
by hands unseen,
by love that knows
where we have been.

Zunächst fand ich keine Melodie.

Als einige Frauen begannen, ihre Verse in ihrer eigenen Sprache zu singen, tauchte in mir eine alte türkische Melodie auf. Sie erzählt von der Einsamkeit eines jungen Mädchens und von der Sehnsucht nach jemandem, der ihre Sorgen kennt und ihre Tränen sieht.

Nun verband sich diese Melodie mit den Worten:

May you be held.

Mögest du gehalten sein.

Eine alte Klage bekam einen Segen.

Auf dem Weg zurück zu meinem Platz begann mein Körper zu schwanken. Eine Frau aus dem Kreis nahm mich in den Arm und hielt mich. Es war eine heilsame Erfahrung.

Später, während einer Shiatsubehandlung bei einer lieben Kollegin, tauchte vor meinem inneren Auge das Bild eines Teppichs auf. Meine eigenen Fäden und die Fäden der Frauen, die mich in meinem Leben begleitet hatten, verwoben sich miteinander.

Es entstand etwas Tragendes.

Ein neuer innerer Anker.

Ein Teppich aus vielen Erfahrungen

Auch Nanina hat den Impuls, der an diesem Tag in unsere Gruppe floss, nicht aus dem Nichts geschaffen.

Auf ihrer Webseite beschreibt sie, wie sie während einer grossen Lebenskrise der Arbeit mit der authentischen Stimme begegnete: The Naked Voice nach Chloe Goodchild. Diese Erfahrung eröffnete ihr neue Wege zu innerem Halt, tiefer Präsenz, innerer Freiheit und Lebendigkeit.

Was Nanina von ihrer Lehrerin empfangen und durch ihre eigene Erfahrung vertieft hatte, brachte sie in unseren Kreis. Orna nahm diesen Faden auf, entwickelte ihn weiter und verwob ihn mit dem, was in der Gruppe gerade entstehen wollte.

Vielleicht geschieht Heilung oft genau so.

Nicht durch eine einzelne Person und nicht aus einer einzelnen Erkenntnis, sondern durch viele Fäden, die sich miteinander verbinden.

Die Fäden der Frauen vor uns.

Die Fäden der Frauen neben uns.

Und die Fäden jener Frauen, die nach uns kommen werden.

Für mich trägt dieser Teppich die Kraft des Weiblichen in sich. Damit meine ich nicht allein das biologische Geschlecht, sondern eine Qualität, die in der chinesischen Philosophie dem Yin zugeordnet wird: das Empfangende, Nährende, Verbindende, Tragende und Lauschende.

In einer Gesellschaft, die stark von Leistung, Kontrolle und dem Wunsch nach Beherrschbarkeit geprägt ist, können diese Qualitäten in den Hintergrund geraten. Auch gesellschaftliche Konditionierungen und missverstandene religiöse Vorstellungen haben das Weibliche teilweise eingeengt, abgewertet oder in unseren überlieferten Schöpfungsgeschichten an den Rand gedrängt.

Die Rückkehr des Weiblichen bedeutet für mich nicht, das Männliche zu ersetzen. Sie bedeutet, etwas wieder in das Ganze aufzunehmen, das lange gefehlt hat.

Vielleicht kann dadurch auch in unserer Gesellschaft wieder ein Grundton entstehen.

Ein Grundton, der nicht vereinheitlicht, sondern Verschiedenheit trägt.

Ein Grundton, auf dem Beziehung, Entwicklung und Schöpfung möglich werden.

Auch ich möchte diese wertvollen Impulse in meine Arbeit einfliessen lassen. So wird der Teppich weitergewoben – durch Begegnung, achtsame Berührung, Klang und Erfahrungen, die von Mensch zu Mensch weitergegeben werden.

Heilung braucht körperliche Erfahrung

Viele Zusammenhänge können wir mit dem Verstand verstehen. Wir können wissen, dass Sicherheit wichtig ist, dass ein belastetes Nervensystem auf Unberechenbarkeit reagiert und dass alte Erfahrungen unser heutiges Verhalten beeinflussen.

Doch kognitives Verstehen allein verändert das, was im Körper gespeichert ist, nicht. Der Körper braucht neue Erfahrungen.

Er muss erleben, dass ein Ton gehalten wird. Dass Bewegung möglich ist, ohne den Kontakt zu verlieren. Dass ein Fehler oder eine Dissonanz nicht das Ende einer Beziehung bedeutet. Dass Berührung achtsam sein kann. Dass Grenzen Orientierung geben können. Dass wir schwanken dürfen und dennoch getragen sind.

Klang und Berührung erreichen uns über die Sinne. Sie können die Körperwahrnehmung und Selbstregulation auf eine Weise ansprechen, die sich nicht allein über Worte herstellen lässt.

Wenn Resonanz entsteht, wird eine Erkenntnis nicht nur gedacht. Sie wird erlebt und körperlich spürbar.

Auch alte Erfahrungen können dadurch aus der Gegenwart heraus neu betrachtet und bewertet werden. Das Vergangene wird nicht ungeschehen. Doch es kann eine neue Erfahrung hinzukommen, die seine Bedeutung und seine Wirkung verändert.

Auch in meiner Arbeit als Shiatsu-Therapeutin im CAMPO in Winterthur begegnet mir immer wieder die Bedeutung verlässlicher und achtsamer Körpererfahrungen. Shiatsu kann einen Raum schaffen, in dem der eigene Rhythmus wieder wahrnehmbar wird und das Nervensystem neue Erfahrungen von Ruhe, Bewegung und Beziehung machen darf.

Der Grundton und die fünf Wandlungsphasen

Die fünf Wandlungsphasen beschreiben natürliche Bewegungen des Lebens. Sie zeigen, wie Entstehung, Wachstum, Ausdruck, Verarbeitung, Rückzug und Neubeginn einander nähren und regulieren.

Für mich lassen sie sich auch als Heilungs- und Transformationsphasen verstehen.

Wasser kennt den Weg

Wasser steht für Tiefe, Stille und das noch nicht Sichtbare. Es muss den ganzen Weg nicht kennen, um sich zu bewegen. Es folgt seinem natürlichen Lauf, umfliesst Hindernisse und findet immer wieder eine neue Form. In der Heilung kann Wasser bedeuten, nach innen zu lauschen und dem eigenen tiefen Wissen wieder zu vertrauen.

Holz bringt Bewegung

Aus der Tiefe des Wassers entsteht ein Impuls. Etwas möchte wachsen, sich aufrichten und eine Richtung finden. Holz steht für Entwicklung, Entscheidungskraft und den Mut, den eigenen Weg einzuschlagen.

Feuer bringt Resonanz, Integration und neue Bedeutung

Was gewachsen ist, möchte sichtbar und hörbar werden. Feuer steht für Ausdruck, Beziehung, Freude und lebendigen Austausch. Zugleich unterstützt es uns darin, Erfahrungen aufzunehmen, zu unterscheiden und in unser inneres Erleben zu integrieren.

In einem sicheren und resonanten Raum können alte Erfahrungen neu betrachtet und bewertet werden. Was früher ausschliesslich mit Angst, Einsamkeit oder Ohnmacht verbunden war, kann eine neue Erfahrung hinzubekommen. Etwas Altes darf in ein neues Licht treten.

Erde lässt Erfahrungen zu Nahrung werden

Erde schenkt Mitte und Halt. Was erlebt, unterschieden und neu bewertet wurde, kann sich setzen und verdaut werden. Aus Erfahrung kann Wissen entstehen und aus Wissen eine neue Form von Orientierung.

Metall gibt Form und lässt los

Metall steht für Klarheit, Rhythmus und Grenzen. Es hilft uns zu unterscheiden, was zu uns gehört und was wir loslassen dürfen. Es gibt der Veränderung eine Form und schafft Raum für einen neuen Zyklus.

Der Grundton entsteht für mich durch das Zusammenspiel all dieser Bewegungen.

Es braucht die Tiefe des Wassers und die Richtung des Holzes. Es braucht das Feuer der Resonanz, die tragende Mitte der Erde und die Klarheit des Metalls.

Ohne Halt kann Bewegung überfordern.

Ohne Bewegung wird Halt zur Erstarrung.

Ohne Grenzen kann Verbindung unsicher werden.

Und ohne Resonanz bleibt die eigene Stimme einsam.

Heilung bedeutet aus Sicht der Wandlungsphasen nicht, in einem unveränderlichen Zustand anzukommen. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, sich durch unterschiedliche Phasen zu bewegen und nach einer Irritation wieder in den eigenen Rhythmus zurückzufinden.

Vielleicht ist der Grundton genau das.

Kein Zustand, den wir für immer festhalten müssen, sondern eine innere Beziehung, zu der wir zurückkehren können.

Eine Stimme haben

Bei AHAVA durfte ich mit Nanina Ghelfi im Tandem singen. Noch bevor wir begannen, hörte ich mich sagen:

«Ich kann nicht singen.»

Im nächsten Moment standen wir Arm in Arm und sangen gemeinsam.

Diese Begegnung hat in mir den Wunsch geweckt, meine Stimme weiterzuentdecken. Deshalb habe ich mich entschieden, mich von Nanina auf diesem Weg begleiten zu lassen. Mehr über ihre Arbeit mit Stimme, Atem, Körper und Spiritualität findet ihr auf ihrer Webseite Stimme & Spirit.

Seit diesem Wochenende bekommt der Satz, eine Stimme zu haben, für mich eine neue Bedeutung.

Eine Stimme zu haben bedeutet nicht nur, den musikalisch richtigen Ton zu treffen.

Es bedeutet, sich selbst hören zu können.

Sich ausdrücken zu dürfen.

Den eigenen Platz im gemeinsamen Klang einzunehmen.

Es bedeutet auch, nicht jede Dissonanz verhindern zu müssen und nicht zu verstummen, damit alles harmonisch bleibt.

Ich darf meinen eigenen Ton suchen.

Ich darf ihn verlieren und wiederfinden.

Ich darf üben und manchmal schräg klingen.

Vielleicht war meine Stimme nie falsch.

Vielleicht fehlte ihr nur der Grundton, auf dem sie sich sicher bewegen konnte.

May We Be Held

May you be held
by hands unseen,
by love that knows
where we have been.

May you find
a quiet place,
where every heart
belongs in grace.

May you walk
with open eyes,
each new morning
a surprise.

May you trust
what grows so slow,
beneath the loudness,
deep below.

May you rest
when night is near,
held by hope
instead of fear.

May you see
the light we bring,
may you hold
the dark within.

And when we gather,
voice by voice,
may silence rise
and wrap us all.

May you be held.
May you belong.
May we remember:
we are strong.

Orna Ralston, 2026

Veröffentlicht mit ausdrücklicher Erlaubnis der Autorin.

Dieser Beitrag entstand mit dem Einverständnis von Orna Ralston und Nanina Ghelfi.

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