Wie der Graureiher in mein Logo kam
Ein stiller Weggefährte in einer Zeit, in der ich selbst keinen Weg mehr sehen konnte.
Manchmal treten Tiere in unser Leben, die mehr sind als eine zufällige Begegnung. Sie begleiten uns, tauchen in entscheidenden Momenten auf und erinnern uns an etwas, das wir selbst gerade nicht sehen oder fühlen können.
Für mich ist der Graureiher ein solches Tier geworden.
Nach einer Retraumatisierung vor einigen Jahren litt ich an den Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ich hatte den Boden unter den Füssen verloren und fühlte mich, als wäre ich auf offener See in einen Sturm geraten. Alte, abgespaltene Gefühle überschwemmten mich und trieben mich zusätzlich in eine Depression, weil ich noch nicht wusste, wie ich diesen Erinnerungen begegnen sollte.
Es gab keine Orientierung und keinen sichtbaren Horizont. Ich wusste weder, ob ich aus diesen Zuständen je wieder herausfinden würde, noch hatte ich eine Ahnung, wie lange dieser Weg dauern würde.
Heute weiss ich: Es war und ist ein langer Heilungsweg. Aber es gibt einen Weg.
In dieser Zeit wurde vieles, was zuvor selbstverständlich gewesen war, plötzlich schwierig. Meine Wahrnehmung war während der depressiven Episode stark eingeschränkt. Die Welt schien kleiner, dunkler und weiter entfernt zu sein. Dennoch zwang ich mich, jeden Tag nach draussen zu gehen und zu laufen.
Der Graureiher ist in meiner Umgebung heimisch. Ich begegnete ihm schon früher gelegentlich bei meinen Spaziergängen entlang der Eulach und durch die Hegmatten.
Doch nachdem ich in diese tiefgreifende Krise geraten war, veränderte sich etwas. Plötzlich war er täglich präsent.
Manchmal stand er regungslos und aufmerksam am Bach. Dann wieder flog er direkt vor mir über den Weg oder stand mit anderen Graureihern auf einem Feld. Es kam vor, dass er laut vom anderen Ufer zu mir herüberrief.
Mir schien, als würde er mir immer wieder sagen:
«Ich bin da und begleite dich.»
Eindrücklich war auch der Moment, als er plötzlich mitten auf der Hauptstrasse stand, während wir in dieser ohnehin schweren Zeit unseren Hund einschläfern lassen mussten.
Als ich es einmal nicht aus dem Haus schaffte, war er einfach auf der Garagenbox im Nachbarsgarten. Ich fühlte mich immer gemeint.
Ob ich wollte oder nicht: Der Graureiher machte sich bemerkbar. Er war mir zu einem vertrauten Freund und Weggefährten geworden.
Er war gerade dann da, als ich selbst kein Vertrauen und keine Sicherheit mehr spüren konnte.
Der Graureiher ist ein Meister des stillen Wartens. Oft steht er lange und beinahe bewegungslos am Ufer. Er beobachtet das Wasser, bleibt aufmerksam und handelt erst, wenn der richtige Moment gekommen ist. In ihm verbinden sich Geduld, Wachheit und entschlossenes Handeln.
Als Krafttier wird der Graureiher mit innerer Ruhe, Intuition, Würde und dem Mut verbunden, in die Tiefe zu gehen. Er erinnert uns daran, innezuhalten, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen und nicht bereits jeden Schritt des Weges kennen zu müssen.
Diese Bedeutung entsprach auf erstaunliche Weise meiner damaligen Lebensphase.
Der Graureiher stand für mich zwischen den Welten: mit den Füssen im Wasser und zugleich fest auf dem Boden. Er konnte still verharren, ohne erstarrt zu sein. Und wenn es Zeit war, erhob er sich und flog weiter.
In seinem Verhalten erkenne ich auch den daoistischen Gedanken des Wu Wei. Wu Wei bedeutet nicht, untätig zu sein. Es beschreibt ein Handeln, das nicht erzwungen wird: aufmerksam wahrnehmen, dem natürlichen Verlauf folgen und im richtigen Augenblick aus der eigenen Mitte heraus handeln.
Der Graureiher wartet nicht aus Hilflosigkeit. Er ist wach und gegenwärtig. Er kämpft nicht gegen das Wasser an und verschwendet seine Kraft nicht. Er wartet, bis der Moment gekommen ist, und handelt dann klar und entschlossen.
Auch Heilung lässt sich nicht erzwingen.
Sie braucht Zeit, Geduld und die Bereitschaft, immer wieder wahrzunehmen, was im gegenwärtigen Moment möglich ist. Manchmal bedeutet das, einen Schritt zu gehen. Manchmal bedeutet es, innezuhalten und dem eigenen System die Zeit zu lassen, die es braucht.
Während ich selbst meine Orientierung verloren hatte, verkörperte der Graureiher etwas, das in mir kaum erreichbar schien: Ruhe, Klarheit und Vertrauen in den nächsten Moment.
Seine Botschaft war für mich nicht, dass alles schnell wieder gut werden würde.
Du bist da. Warte. Nimm wahr. Der nächste Schritt wird sich zeigen.
Der Graureiher erinnert mich an den Kranich: durch seine anmutige Erscheinung, seine langen Beine, seine Nähe zum Wasser und seine stille, aufrechte Präsenz.
In der japanischen Kultur gilt der Kranich, der Tsuru, als glückverheissendes Tier. Er steht unter anderem für ein langes Leben, Glück und Beständigkeit. Durch die gefalteten Papierkraniche wurde er zudem zu einem bekannten Sinnbild für Frieden und Hoffnung.
Der Kranich ist kein eigentliches Symbol des Zen. Dennoch entsteht für mich eine Verbindung zur Zen-Haltung: in seiner stillen Präsenz, seiner Schlichtheit und der Konzentration auf den gegenwärtigen Augenblick.
Genau darin begegnen sich für mich auch Graureiher und Zen.
Im ruhigen Stehen am Wasser.
Im aufmerksamen Wahrnehmen.
Im Vertrauen auf den richtigen Augenblick.
Und in der Fähigkeit, sich nach einer Zeit des Innehaltens wieder zu erheben.
Auch in meiner Arbeit bedeutet Begleitung für mich nicht, einen Prozess zu erzwingen oder den Weg für einen anderen Menschen vorzugeben. Es bedeutet, präsent zu sein, aufmerksam wahrzunehmen und darauf zu vertrauen, dass sich im richtigen Moment eine Bewegung zeigen kann.
Ich glaube an eine tiefe Verbundenheit aller Lebewesen und der Natur. Für mich sind solche Begegnungen nicht einfach bedeutungslose Zufälle. Die Natur kann uns spiegeln, begleiten und auf wundersame Weise erreichen – manchmal gerade dann, wenn Worte nicht mehr zu uns durchdringen.
Der Graureiher wurde in meiner schwersten Zeit zu meinem Weggefährten. Deshalb war für mich klar, dass er in das Logo von Kintsugi Shiatsu gehört.
Heute bin ich sehr glücklich über mein Logo. Es vereint verschiedene Ebenen, die mir persönlich und in meiner Arbeit wichtig sind.
Der Graureiher steht für die stille und wachsame Begleitung. Er symbolisiert Geduld, Vertrauen und die Achtung vor dem eigenen Tempo.
Yin und Yang sind im Logo angedeutet und erinnern an das Zusammenspiel scheinbarer Gegensätze: Ruhe und Bewegung, Dunkelheit und Licht, Verletzlichkeit und Kraft.
Die goldene Kintsugi-Naht steht für die Bruchstellen unseres Lebens. Sie müssen nicht versteckt werden, sondern dürfen gesehen, gewürdigt und zu einem Teil unserer Geschichte werden.
So erzählt mein Logo nicht nur von meiner Praxis.
Es erzählt auch von meinem eigenen Weg.
Und von einem Graureiher, der blieb, als ich selbst noch nicht wusste, wohin mein Weg mich führen würde.
Danke für deine Zeit und herzliche Grüsse
Neri
