Über Anpassung, Scham und die Kunst, Grenzen zu setzen

Die letzten Wochen waren turbulent.

Angefangen hat es mit den Fragen, mit welchen Werten ich durchs Leben gehe und was ich in Beziehungen brauche. Dabei bin ich auf etwas gestossen, das wir Schweizerinnen und Schweizer im Kollektiv ziemlich gut kennen: die Anpassung. Wenn jemand Englisch oder Hochdeutsch mit uns spricht, schalten viele von uns wie selbstverständlich die Sprache um. Wir passen uns an.

Anpassung ist an sich nichts Schlechtes. Sie macht Zusammenleben möglich, lässt uns auf andere Menschen eingehen und Rücksicht nehmen. Aber wann wird aus Rücksichtnahme ein Sich-selbst-Verlieren? Und ab wann beginne ich, mich selbst zu verlassen?

Neugierig begann ich zu erforschen, was bei mir hinter der Anpassung steckt. Was passiert in mir, wenn ich mich nicht anpasse? Was befürchte ich? Und vor allem, was möchte meine Anpassung für mich erreichen?

Ich durfte meiner Anpassung in ganz unterschiedlichen Situationen begegnen. Besonders in Beziehungen zu meiner Familie und engen Freunden zeigte sie sich auf eigenartige Weise. Fast schon belustigt stellte ich fest, wie oft ich Ja sagte, obwohl ich eigentlich Nein meinte. Dabei gibt es heute, objektiv betrachtet, keinen Grund mehr, nicht Nein sagen zu dürfen.

Neugierig schaute ich genauer hin. Was wollte meine Anpassung eigentlich verhindern? Langsam wurde mir bewusst, dass sie eine wichtige Aufgabe übernommen hatte. Sie versprach mir Zugehörigkeit und hielt einen sehr alten Schmerz der Einsamkeit auf Distanz.

Dieser Wächter begleitet mich schon sehr lange. Offenbar hat er noch nicht ganz verstanden, dass ich ihn heute nicht mehr in derselben Weise brauche.

Neugierig forschte ich weiter und ging dieser Einsamkeit nach. Bevor ich dem alten Schmerz begegnen konnte, traf ich allerdings zuerst auf die Angst, die ihn bewacht. Dies war für mich eine wichtige Erkenntnis. Oft steht zwischen uns und einem überwältigenden Gefühl noch etwas anderes. Angst, Kontrolle, Leistung, Rückzug, Wut oder Funktionieren.

Was für ein ausgeklügeltes System! Was für ein Wunderwerk unser Körper und unsere Psyche doch sind. Um uns vor überwältigenden Gefühlen zu schützen, entwickeln wir Strategien, die den damaligen Umständen und unseren Möglichkeiten entsprechen.

Ein Wächter, der eine wichtige Aufgabe übernommen hat und uns bis heute begleitet.

Und plötzlich sah ich meine Anpassung mit anderen Augen. Nicht mehr als Schwäche, die ich möglichst schnell loswerden sollte, sondern als etwas, das irgendwann einmal einen sehr guten Grund hatte, da zu sein.

Anpassung ist eine Wächterin. Sie schützt uns.

Nur hat dieser Schutz einen Preis. Wenn ich mich ständig anpasse, werde ich unauthentisch und entferne mich von mir selbst. Wenn ich dauernd spüre, was mein Gegenüber braucht, aber immer weniger, was ich selbst brauche, wird echte Begegnung schwierig.

Ein Nein könnte bedeuten, jemanden zu enttäuschen, einen Konflikt auszulösen oder im schlimmsten Fall nicht mehr dazuzugehören.

Wenn Anpassung bedeutet, dass ich mich selbst immer wieder verlasse, wird eine authentische Begegnung auf Augenhöhe schwierig. Auf Dauer entsteht ein Ungleichgewicht, weil meine eigenen Bedürfnisse und Grenzen keinen gleichwertigen Platz mehr haben.

Die Kaiserin und ihre Wächter

Als Shiatsu-Therapeutin konnte ich es nicht lassen, den Bogen zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) zu machen.

In der TCM gehört das Herz zur Wandlungsphase Feuer. Es beherbergt den Shen, unseren Geist, unser Bewusstsein und unsere Präsenz. In der bildhaften Sprache der chinesischen Medizin wird das Herz als Kaiser oder Kaiserin bezeichnet.

Und dann gibt es den Perikard, den Herzbeutel. Er ist die Wächterin des Herzens und steht in der energetischen Betrachtung auch mit Nähe, Beziehung und emotionaler Offenheit in Verbindung.

Dieses Bild berührt mich. Da ist im Innersten die Kaiserin, das Herz. Lebendig, empfindsam und offen für Begegnung. Und davor steht eine Wächterin, die prüft: Was darf herein? Wie viel Nähe ist möglich? Ist es sicher, mich zu zeigen? Darf ich lieben und mich berühren lassen? Darf ich mich mit meiner Verletzlichkeit zeigen?

Aber die Kaiserin hat noch einen weiteren Schutz. Den Dreifacherwärmer.

Er bildet zusammen mit dem Herzbeutel ein Meridianpaar und gehört ebenfalls zur Wandlungsphase Feuer. In der TCM werden ihm unter anderem die Regulation und Verteilung von Qi, Wärme und Flüssigkeiten in den drei Erwärmern zugeordnet.

In einer bildhaften Deutung schützt der Herzbeutel das Innere des Palastes, während der Dreifacherwärmer die äusseren Grenzen des Reiches bewacht.

Ich mag dieses Bild. Der Herzbeutel schützt unsere innere Verletzlichkeit und der Dreifacherwärmer erinnert uns daran, dass auch unser Reich, unser Körper, unser Eigenraum Grenzen braucht.

Wer darf mein Reich betreten? Wie nahe darf jemand kommen? Was möchte ich von der Aussenwelt aufnehmen und was nicht? Was gehört zu mir und was gehört nicht zu mir?

Gerade wenn ein Mensch in seiner Kindheit überwältigende Erfahrungen gemacht hat, können sich kraftvolle Schutzstrategien entwickeln. Gleichzeitig kann es schwierig werden, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu vertreten.

Was früher notwendig war, um emotional zu überleben, kann auch im Erwachsenenalter blitzschnell aktiviert werden. Ein Trigger kann das Nervensystem innerhalb weniger Augenblicke in den Überlebensmodus versetzen.

Dann schützen die Wächter weiter. Leise, vehement oder mit einer Radikalität, die uns selbst oder andere Menschen verletzt.

Diese Wächter haben viele Gesichter. Perfektionismus, damit niemand einen Fehler findet. Leistung, um Anerkennung zu erhalten und sich wertvoll zu fühlen. Kontrolle, damit keine unangenehme Überraschung droht. Rückzug oder Erstarrung, um möglichst unsichtbar zu werden. Wut und Angriff, um nicht wieder klein gemacht zu werden. Das ständige Kümmern um andere, damit die eigene Sicherheit nicht gefährdet wird. Auch Ablenkung, Konsum, Sucht oder selbstschädigende Verhaltensweisen können Versuche sein, mit überwältigenden Gefühlen umzugehen.

Und dann gibt es narzisstische Schutzstrategien. Den Versuch, durch Anerkennung, Überlegenheit, Erfolg oder ein möglichst unangreifbares Selbstbild die eigene Verletzlichkeit und Scham auf Distanz zu halten.

Nicht jedes dieser Verhaltensmuster entsteht aus einer Verletzung und nicht alles lässt sich als Schutzstrategie erklären. Aber viele unserer Wächter waren irgendwann einmal erstaunlich kluge Überlebensversuche.

Nur, was geschieht, wenn wir erwachsen werden und unsere Wächter weiterhin unser Leben bestimmen? Wenn sie so beschäftigt sind, die Kaiserin zu schützen, dass diese kaum noch selbst entscheiden kann?

Ich komme immer mehr zur Überzeugung, dass unsere Wächter nicht verschwinden müssen. Sie dürfen lernen, zwischen einer alten Angst und einer gegenwärtigen Grenzverletzung zu unterscheiden. Nicht jede Begegnung ist gefährlich, aber auch nicht jede Nähe tut gut.

Und wir dürfen Grenzen nicht nur aus Angst setzen, sondern auch aus Achtung vor uns selbst.

Von Narzissmus, Scham und der Verantwortung für unsere Verletzungen

Bei diesen Gedanken bin ich beim Narzissmus hängen geblieben. Ich merke, dass allein dieses Wort schwierige Gefühle in mir auslöst. Nicht zuletzt, weil es heute in aller Munde ist. Der «Narzisst» ist beinahe zu einer modernen Version des Bösewichts geworden.

Ich bekam von einer lieben Freundin einen Podcast mit Dr. Britta Papay, die sich intensiv mit Narzissmus und narzisstischen Beziehungsmustern beschäftigt. Während ich zuhörte, erkannte ich plötzlich einige meiner eigenen Schutzstrategien wieder.

Ich gebe zu, ich war zuerst ein wenig eingeschnappt. Es ist nicht unbedingt angenehm, sich in einem Thema wiederzuerkennen, das gesellschaftlich so negativ besetzt ist. Ich hörte trotzdem weiter, denn ihre Ausführungen lösten viel Resonanz in mir aus.

Eigentlich war es doch gar keine dumme Strategie, möglichst gut zu sein, viel zu leisten und wenig Angriffsfläche zu bieten, wenn man dadurch mit der Scham alter Demütigungen nicht mehr in Kontakt kommen musste.

Gleichzeitig störte ich mich daran, wie wenig in der öffentlichen Diskussion zwischen narzisstischen Anteilen, narzisstischen Verhaltensmustern und einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung unterschieden wird. Das sind nicht dieselben Dinge.

Auch PTBS, Borderline und narzisstische Persönlichkeitsstörungen sind unterschiedliche psychische Störungsbilder mit komplexen Entstehungsbedingungen. Trotzdem können sich Themen wie Bindungsverletzungen, Scham, Selbstwert und Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation überschneiden.

Und dann kam mir ein weiterer Gedanke. Wie viele unserer Schutzstrategien werden gesellschaftlich geradezu belohnt? Leistung, Durchhalten, Konkurrenz, Status und Selbstoptimierung. 

Wir bewundern Menschen, die funktionieren. Die immer weitermachen. Die stark sind. Die über ihre Grenzen gehen. Aber was ist mit den Menschen, die ihre Verletzlichkeit zeigen? Die nicht mehr können oder nicht mehr funktionieren wollen?

Ich finde, wir haben als Gesellschaft noch immer zu wenig Raum für sie.

Dabei lassen sich alte Schutzstrategien nicht einfach mit einem guten Vorsatz ablegen. Unser Gehirn und Nervensystem haben über Jahre gelernt, dass diese Verhaltensweisen Sicherheit versprechen. Veränderung braucht Zeit, neue Erfahrungen und oft auch Begleitung.

Hier begegnete mir die Arbeit von Dr. Stephan Marks, den ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Fachperson für Gewaltprävention an einem Vortrag erleben durfte. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Scham und Menschenwürde.

Ein Gedanke aus seinem Vortrag ist mir besonders geblieben. Wir können einem anderen Menschen seine Scham nicht einfach wegnehmen. Aber wir können ihm ein grösseres Gefäss zur Verfügung stellen. Einen Raum, in dem seine Scham da sein darf, ohne dass er erneut beschämt wird. Einen Raum, in dem er sich mit seiner Scham auseinandersetzen kann, ohne seine Würde zu verlieren.

Wie viel könnte sich verändern, wenn wir Menschen diesen Raum schenken würden?

Und was geschieht, wenn ein Mensch seine eigene Scham nicht aushält und sie stattdessen auf andere überträgt? Wenn jemand einen anderen klein macht, um sich selbst grösser zu fühlen?

Hier kommen wir zu einer anderen, sehr schwierigen Seite des Narzissmus.

Menschen, die von manipulativen oder narzisstisch geprägten Beziehungsmustern betroffen sind, erleben mitunter Abwertung, Schuldumkehr oder Gaslighting. Dabei wird die Wahrnehmung des Gegenübers infrage gestellt, Verantwortung verdreht oder eine Grenzverletzung plötzlich zur Schuld der betroffenen Person gemacht. Solche Verhaltensweisen kommen allerdings nicht nur bei Menschen mit narzisstischen Anteilen vor.

Wer solche Erfahrungen wiederholt macht, kann beginnen, der eigenen Wahrnehmung zu misstrauen. Betroffene passen sich immer mehr an, erklären sich ausführlich und übernehmen Verantwortung für etwas, das gar nicht zu ihnen gehört.

Gerade wenn Anpassung schon früh eine Überlebensstrategie war, kann es schwierig werden, solche Muster zu erkennen und sich daraus zu lösen.

Und hier ist mir eine Unterscheidung ganz besonders wichtig.

Wir dürfen verstehen, weshalb jemand verletzend handelt, und uns gleichzeitig vor diesem Verhalten schützen.

Mitgefühl bedeutet nicht, alles ertragen zu müssen. Wir sind nicht dafür verantwortlich, die Scham oder die Verletzungen eines anderen Menschen zu tragen oder zu transformieren.

Solche Pakete dürfen wir zurückgeben. 

Es gibt Situationen, in denen es nicht noch mehr Verständnis braucht, sondern eine klare Grenze, Distanz oder auch den Abbruch einer Beziehung. Denn nicht jede Angst ist eine Erinnerung an eine vergangene Gefahr. Die Grenzverletzung kann auch gegenwärtig sein.

Herbst – die Zeit der Grenzen und des Loslassens

Während ich mich mit all diesen Themen beschäftige, ist draussen der Herbst eingezogen. Die Tage werden kürzer, die Natur zieht sich langsam zurück und die Bäume lassen ihre Blätter fallen. Was nicht mehr gebraucht wird, darf gehen.

In der TCM gehört der Herbst zur Wandlungsphase Metall mit den Meridianen von Lunge und Dickdarm. Die Lunge steht unter anderem für die Verbindung zwischen unserem Inneren und der Aussenwelt. Wir atmen ein, nehmen auf und geben beim Ausatmen wieder ab.

Der Dickdarm steht in der energetischen Betrachtung für das Ausscheiden und Loslassen dessen, was wir nicht mehr benötigen. In der Symbolik der Wandlungsphase Metall geht es auch darum, das Wertvolle vom Überflüssigen zu unterscheiden.

Die Wandlungsphase Metall bringt uns mit Themen wie Abgrenzung, Klarheit, Wert und Würde in Verbindung.

Was gehört zu mir? Was gehört nicht zu mir? Was möchte ich aufnehmen und was darf ich loslassen?

Und plötzlich schliesst sich für mich ein weiterer Kreis. Der Dreifacherwärmer bewacht in unserer bildhaften Betrachtung die Grenzen des Reiches. Die Wandlungsphase Metall erinnert uns daran, diese Grenzen bewusst wahrzunehmen.

Wo höre ich auf und wo beginnst du?

Wenn ich mich ständig anpasse, verliere ich diese Grenze aus den Augen. Ich übernehme Gefühle, Erwartungen oder Verantwortlichkeiten, die gar nicht zu mir gehören. Vielleicht sogar die Scham eines anderen Menschen.

Dabei sind Grenzen doch etwas Wunderbares. Sie müssen keine Mauern sein. Eine Grenze kann auch eine Tür haben. Ich darf entscheiden, wann ich sie öffne, wen ich hereinlasse und wie nahe mir jemand kommen darf. Und ich darf sie auch wieder schliessen.

Nicht aus Ablehnung, sondern aus Achtung vor mir selbst.

Auch in meiner Arbeit als Shiatsu-Therapeutin beschäftigt mich das Thema Grenzen. Wie nehmen wir unseren Körper wahr? Wie spüren wir, was sich für uns stimmig anfühlt und was nicht?

Shiatsu bietet durch achtsame Berührung und Präsenz die Möglichkeit, der eigenen Körperwahrnehmung Raum zu geben. Dabei darf ein Ja genauso da sein wie ein Nein. Eine Berührung darf willkommen sein oder gerade nicht. Nähe darf sich gut anfühlen und Distanz genauso.

Für mich ist diese Selbstbestimmung ein wichtiger Bestandteil der therapeutischen Beziehung.

Ich glaube, dass wir unseren Eigenraum erst wieder kennenlernen müssen, wenn wir den Zugang dazu verloren haben. Erst wenn ich meine eigenen Grenzen wahrnehme, kann ich sie auch nach aussen vertreten.

Die schönste Erkenntnis für mich ist, dass echte Begegnung dort möglich wird, wo ich meine eigenen Grenzen kenne und achte. Auch in einer sehr engen Bindung muss niemand Zugang zu meinem ganzen Eigenraum haben. Dort, wo meine Gedanken entstehen, wo ich meine Gefühle sortiere, wo meine Werte und mein innerster Kern zu Hause sind, darf ich ganz bei mir bleiben.

Ich kann einem Menschen sehr nahe sein, ohne mich selbst aufzugeben.

Bindung ist für mich keine Verschmelzung. Sie bedeutet, verbunden zu sein und gleichzeitig eigenständig bleiben zu dürfen.

Und das hat nicht nur Auswirkungen auf unsere persönlichen Beziehungen, sondern auch auf unsere Gesellschaft.

Was wäre, wenn wir zwei Dinge gleichzeitig lernen würden? Menschen, die anderen Schaden zugefügt haben, nicht ausschliesslich auf ihre Taten zu reduzieren, sondern ihnen Räume für echte Verantwortungsübernahme und Veränderung zu ermöglichen. Und gleichzeitig Menschen, deren Grenzen verletzt wurden, darin zu unterstützen, ihre Selbstbestimmung und ihren Eigenraum zurückzugewinnen.

Ich glaube, hier wäre für unsere Gesellschaft echte Heilung möglich.

Dabei geht es mir ausdrücklich nicht darum, Täter zu entschuldigen oder Betroffene in die Verantwortung für erlittene Grenzverletzungen zu nehmen. Wer andere verletzt, trägt dafür Verantwortung, unabhängig von der eigenen Geschichte. Wer verletzt wurde, braucht Schutz, Sicherheit und Anerkennung des erlittenen Unrechts.

Aber müssen wir einen Menschen auf seine schlimmsten Taten reduzieren, damit er Verantwortung übernehmen kann? Oder könnte gerade ein würdevoller Raum helfen, sich mit Schuld und Scham auseinanderzusetzen, ohne sofort wieder in die Abwehr zu gehen?

Nicht jeder Mensch ist bereit, diesen Weg zu gehen. Veränderung können wir niemandem abnehmen oder aufzwingen. Und niemand ist verpflichtet, einem Menschen, der ihn verletzt hat, erneut Zugang zu seinem Leben zu gewähren.

Die Würde eines Menschen anzuerkennen bedeutet nicht, ihn von der Verantwortung für sein Verhalten zu befreien.

Weniger Beschämung und mehr Verantwortungsübernahme auf der einen Seite. Mehr Grenzachtung, Schutz und Selbstbestimmung auf der anderen.

Das eine schliesst das andere nicht aus. Im Gegenteil. Ich bin überzeugt, dass es beides braucht, damit wir alte Verletzungen nicht immer wieder an die nächsten Generationen weitergeben.

So sitze ich heute an einem wunderbar regnerischen Herbstmorgen da und habe Hoffnung. Hoffnung für all die Menschen da draussen mit ihren Verletzungen. Für unsere Wächter, unsere Anpassung, unseren Perfektionismus, unsere Angst und für all die Stellen in uns, die glauben, wir müssten stärker, besser oder unangreifbarer sein, um dazuzugehören.

Ich glaube nicht, dass wir unsere Wächter loswerden müssen. Ich möchte ihnen vielmehr zeigen, dass sie nicht mehr rund um die Uhr Dienst haben müssen. Dass die Kaiserin im Herzen heute erwachsen ist und selbst entscheiden darf, wen sie in ihrem Reich willkommen heisst.

Dass sie Nein sagen darf. Dass sie sich schützen darf. Und dass sie sich auch zeigen darf. Unperfekt, verletzlich und echt.

Darin sehe ich auch eine gesellschaftliche Chance. Dass wir genauer hinschauen, statt mit dem Finger aufeinander zu zeigen. Dass wir Verantwortung übernehmen, ohne Menschen ihre Würde abzusprechen. Und dass wir lernen, die Grenzen anderer Menschen genauso zu achten wie unsere eigenen.

Für mich ist das die Einladung dieses Herbstes.

Das Eigene bewahren. Das Fremde achten. Und loslassen, was nicht mehr zu uns gehört.

Damit unsere Wächter irgendwann erkennen dürfen, dass nicht jede Begegnung eine Gefahr ist.

Und unsere Kaiserin wieder etwas mehr Raum bekommt, um zu leben. Wer weiss, was in diesem neuen Raum im nächsten Frühling wachsen darf. 

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